ProdukTIEF: Leistungsorientierte Vergütung im Spezialtiefbau

Dass Zeit Geld ist, ist ja wohl mittlerweile hinreichend geklärt. Nur: wessen Zeit und wessen Geld? Wenn der Auftraggeber möglichst schnell für möglichst wenig Geld einen Tunnel gebaut haben möchte, der Auftragnehmer aber möglichst viel Geld für möglichst wenig Aufwand haben will, dann scheiden sich schon mal die Geister. Mit dem zeit- und leistungsbasierten Vergütungsmodell „StilfOs“ könnten Bauvorhaben für beide Parteien kosteneffizienter und produktiver abgewickelt werden, weiß Dr. Michael Werkl von der BWI Beratende Wirtschaftsingenieure für Bauwesen GmbH.

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Ich war nie ein Fan von Gruppenarbeiten. Mehrere Arbeitsweisen unter einen Hut zu bringen, sind schon schwierig genug, aber wenn dann auch noch jedes Gruppenmitglied ein anderes Ziel hat (persönlich gehöre ich zur Fraktion „4 gewinnt“, die einen positiven Abschluss mit möglichst wenig Aufwand anstrebt; in jeder Gruppe scheint es aber aus irgendeinem Grund auch Mitglieder der „Wir wollen 100 Prozent Partei“ sowie der Liste „Jetzt sage ich aber bei der Präsentation einen Satz mehr als du, das ist doch ungerecht“ zu geben), wird es wirklich kompliziert.

So glücklich habe ich bei Gruppenarbeiten definitiv nie ausgesehen (Credit: pixabay)

Ähnlich gestaltet es sich bei Bauvorhaben. Während der Auftraggeber sein Projekt möglichst kostengünstig abwickeln will, möchte der Auftragnehmer einen möglichst hohen Preis für seine Leistung erhalten.  „In diesem Spannungsfeld entwickelt sich – zumeist ausgehend vom Auftraggeber – ein Vergütungs- und Vertragsmodell, das die gegenlaufenden Interessen der beiden Vertragsparteien bestmöglich ausgleichen sollte. Durch die zunehmende Anzahl an Streitigkeiten um Vergütungsfragen am Bau zeigt sich jedoch, dass herkömmliche Modelle den Austausch von Leistung und Vergütung oftmals nicht optimal regeln können“, weiß Dr. Werkl.

Eine Alternative muss her

Stattdessen braucht es also eine Alternative, die in Werkls Augen im Optimalfall auf Anreizen statt auf Strafen basiert. Eine solche Methode ist das StilfOs-Modell. „Die Anwendung von StilfOs ist grundsätzlich dann zu empfehlen, wenn zeitabhängige Vergütungselemente einen wesentlichen Teil der Leistung ausmachen. Dies ist insbesondere bei Spezialtiefbauarbeiten der Fall. So hat sich der erfolgreiche Einsatz schon bei vielen Injektionsbaustellen für beide Vertragsparteien bezahlt gemacht.“

[Anm.: Zeitabhängige Faktoren sind vereinfacht gesagt Dinge (neben Gerätekosten auch Personen), für die ein Stunden- oder Monatssatz verrechnet wird, deren Verwendung also teurer wird, je länger man sie benötigt.]

Anreize statt Strafen (Credit: pixabay)

Zugegeben, der Name geht nicht unbedingt ins Ohr. StilfOs setzt sich zusammen aus Stilfontein Goldmine in der ehem. Provinz Transvaal in Südafrika und dem Oswaldibergtunnel in Kärnten, wo es in Österreich 1987 zum ersten Mal zum Einsatz kam. Wie wäre es stattdessen mit MEFA (Monetäre Einsparungen Für Alle)? Nett klingt auch mein persönlicher Favorit, ProST (produktiver Spezialtiefbau). Oder natürlich LoVe (Leistungsorientiertes Vergütungssystem)?

Am ungewöhnlichen Namen liege es aber jedenfalls nicht, dass sich das Modell anderen gegenüber bislang nicht durchsetzen konnte, meint Dr. Werkl. „Grund dafür ist meines Erachtens die Tatsache, dass das Modell oftmals vielleicht zu kompliziert erklärt wurde. Diejenigen, die das Modell angewandt hatten, berichten aber allesamt von Vorteilen für beide Vertragspartner“ betont Dr. Werkl, der bereits seine Diplomarbeit an der Technischen Universität (TU) Graz der Thematik widmete.

Herausforderung angenommen! Wir machen StilfOs massentauglich und starten mit einer Erklärung, die auch die Sendung mit der Maus vor Neid ganz blass werden lässt!

StilfOs einfach erklärt

Am Beispiel einer vergleichsweise simplen Wohnungssanierung erklären wir das Vergütungsmodell (Credit: Riedler)

Um das Modell also möglichst einfach und dennoch anschaulich zu erklären, haben wir es vom Spezialtiefbau auf einen anderen Lebensbereich übertragen, nämlich eine simple Wohnungssanierung:

Die übliche Herangehensweise wäre, dass ich einen Baumeister beauftrage, der mir einen pauschalen Kostenvoranschlag erstellt, den ich annehme. Hier besteht für ihn das Risiko darin, dass sich die Umbauarbeiten verzögern oder schwieriger gestalten, als ursprünglich von ihm geplant, und sich somit sein Stundenlohn verringert. Alternativ zu einem Kostenvoranschlag könnte er mir also einen Stundensatz bieten. Dann habe aber ich als Auftraggeber möglicherweise das Problem, dass der Baumeister durch seine besonders langsame Arbeitsweise die Arbeiten hinauszögert und die Kosten für mich steigen.

Würden wir meine Renovierungsarbeiten hingegen nach dem StilfOs Prinzip gestalten, könnten sich die Kosten vereinfacht auf drei Punkte aufteilen:

  1. 1. Pauschale
  2. Es gibt eine Grundpauschale, die gewisse Standardleistungen einmalig abdeckt (beispielsweise die Planung, die Beauftragung der unterschiedlichen Gewerke, das Anliefern der Materialien in meiner Wohnung und die abschließende Reinigung. Alles sehr gut planbar.)
  1. 2. Zeitabhängige Faktoren wie Geräte & Personal
    Für diese wird grundsätzlich ein gewisser Stundensatz verrechnet. Soweit nicht ungewöhnlich. Allerdings liegt hier der verrechnete Stundensatz unter den Selbstkosten des Baumeisters.
    So zahlt der Baumeister beispielsweise selbst 100 Euro/Stunde für seinen Bodenleger, mir verrechnet er aber zeitabhängig nur 70 Euro. Auf den ersten Blick also ein Verlustgeschäft für ihn.
  2. Aber die Differenz geht natürlich nicht verloren – denn sie wird als Zuschlag mitgenommen in die nächste Rechnungsposition, die Leistung:
  1. 3. Leistung
    Die Leistung umfasst alle Komponenten wie z.B. die verlegten Quadratmeter Parkett und wird erst abgerechnet, wenn tatsächlich eine Leistung erbracht wird.
    Kann also der Bodenleger gerade keine Leistung erbringen (weil ich mich nicht darum gekümmert habe, dass es Strom gibt ODER weil der Baumeister lange mit ihm Urlaubsfotos austauscht), fällt auch keine Leistung an.
    Sobald die Leistung erbracht wird, also der Boden verlegt ist, wird eine Vergütung pro Quadratmeter PLUS der durch die zeitabhängigen Faktoren berechnete Zuschlag fällig.

 

Ich bin also sehr motiviert, für einen reibungslosen Ablauf der Baustelle zu sorgen und notwendige Entscheidungen schnell zu treffen – denn sonst zahle ich unnötig für zeitabhängige Faktoren (Pkt. 2).

Der Baumeister ist aber ebenso daran interessiert, produktiv zu arbeiten, da er für die rein zeitabhängigen Faktoren unter seinen Selbstkosten arbeitet – also Verlust macht, wenn er diese nicht durch den entsprechenden Aufschlag auf die Leistungen wieder wettmachen kann (Pkt. 3).

Alle Parteien sind an einem reibungslosen Ablauf interessiert (Credit: bidvine auf Pixabay)

Durchgerechnet am Beispiel des Bodenlegers könnten die Kosten für die Sanierung also wie folgt aussehen:

* Dieser Punkt berechnet sich aus der verlegten Menge Parkett (50m2) in Kombination mit der Umlage (30 Euro) -also 1.500 Euro- PLUS die jeweiligen verrechneten Kosten Arbeitszeit an mich durch den Bauherrn (also 70 Euro für Variante 1, 350 Euro für Variante 2 und 700 Euro für Variante 3).

 Sehr schön erkennbar: Wenn die Arbeiten länger dauern, wird es für alle Beteiligten teurer. Je produktiver gearbeitet wird, umso besser für alle.

Einfach in Einheitspreisverträge einbauen

StilfOs kann problemlos in einen Einheitspreisvertrag im Rahmen einer Ausschreibung implementiert werden. „Es werden die wesentlichen Leistungspositionen herausgegriffen, wobei die Umlage der zeitabhängigen Anteile in der gewählten Höhe dann auf diese Positionen erfolgt. Abgerechnet werden also wiederum Einheitspreise, die durch die Umlage des StilfOs Modells entsprechend modifiziert wurden“ so Dr. Werkl. Der Aufwand halte sich „in Grenzen, wenn man die zeitbezogenen Kosten auf die wesentlichen Leistungspositionen umrechnet.“

No Risk, much fun

Es spricht also alles für StilfOs. Wieso wird es dennoch noch nicht mehr verwendet? Hier kommt der Faktor Mensch ins Spiel. „Die Bewertung von Risiko ist in der Praxis stets nur durch die Berücksichtigung von Wahrscheinlichkeiten (Eintrittswahrscheinlichkeiten) möglich, was uns Menschen entsprechend schwer fallen dürfte“, weiß Dr. Werkl. Die Folge sind irrationale Entscheidungen, aus dem Bauch heraus gefällt.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, an einen Bodenverleger zu geraten, der nicht realisiert, dass er selber auch draufzahlt, wenn er unproduktiv arbeitet? In der Realität sehr gering, im Kopf des Auftraggebers aber (zum Beispiel aufgrund negativer persönlicher Erfahrungen) sehr viel höher. Das Gleiche gilt für den Handwerker, der vielleicht bei seinen letzten drei Baustellen mit unkooperativen Kunden zu tun hatte, aufgrund derer er dem aktuellen Auftraggeber gegenüber negativ eingestellt ist. Dabei sind bei dem StilfOs-Vergütungsmodell beide Parteien an einer produktiven Arbeit interessiert sind, weil sie sonst beide draufzahlen.

„Wir haben bei der Erhebung des Risikobewusstseins in Bezug auf Vergütungsmodelle festgestellt, dass viele Akteure bei unsicheren Entscheidungen auch tatsächlich irrationale Entscheidungen treffen. Der Umgang mit dem Thema Wahrscheinlichkeit ist eben für viele Menschen sehr schwierig und nicht immer werden dabei logische Entscheidungen getroffen“, so Dr. Werkl. „Da die Interessen bei alternativen Vergütungsmodellen wie eben StilfOs gleichgeschaltet werden, kann aber das Gesamtrisiko für beide Vertragsparteien minimiert werden.“

Gemeinsam in die Zukunft

Die Aufgabe der zwei Vertragspartner ist es also im Grunde, sich auf die Höhe der Umlage und die gemeinsam festzulegenden Ressourcen zu einigen. Die Festlegung ist aber nur dann erfolgreich, wenn auch der Auftraggeber über technisches und betriebliches Know-How verfügt, weiß Dr. Werkl.  Umgelegt auf die Gruppenarbeiten während meiner Studienzeit: Wenn alle Teilnehmer das win-win-Ziel verfolgen, steigen sie am Ende auch besser aus.

Ein partnerschaftlicher Zugang nicht nur in diesen monetären Belangen werde in Zukunft in der Baubranche immer mehr an Bedeutung gewinnen, ist sich Dr. Werkl sicher.

Unser Beitrag zeigt: Bei komplexen Arbeiten ist ein alternatives Modell für alle vorteilhaft. Dass sich die Baubranche in Richtung einer partnerschaftlichen Projektabwicklung entwickelt, konnte Dr. Werkl bereits beobachten. Konkret macht er diese Entwicklung daran fest, dass beispielsweise die Österreichische Bautechnikvereinigung ÖBV im Mai 2021 eine Richtlinie für alternative Vertragsmodelle veröffentlich hat, in der auch das StilfOs-Modell erwähnt wird.

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Wer mehr über StilfOs wissen möchte, liest am besten Dr. Werkls Beitrag darüber in der Dezember-Ausgabe des VÖBU-Magazins 2020

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Über Dr. Michael Werkl:

Michael Werkl faszinierte schon während des Studiums an der TU Graz (Wirtschaftsingenieurwesen – Bauwesen) die Schnittstelle von Technik und Wirtschaft. Wie viele andere wurde auch er durch die Vorlesungen von Professor Gert Stadler (brachte StilfOs nach Österreich und an die TU Graz …) zum Spezialtiefbau verführt, wo er mit Insond/Züblin spannende Projekte in Europa abwickeln konnte (so auch das ein oder andere Projekt mit unserem Geschäftsführer Philipp).

Besonders hat ihn am Spezialtiefbau das Thema Risiko interessiert, was schließlich dazu führte, dass er noch zusätzliche vier Jahre an der TU Graz mit einer entsprechenden Dissertation verbrachte, um zu untersuchen, wie Menschen mit der Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten und Risken umgehen.

Der Einstieg in die bauwirtschaftliche Beratung erfolgte direkt im Anschluss und führte nach Ablegung der Prüfung zum Sachverständigen zur Gründung der BWI Beratende Wirtschaftsingenieure für Bauwesen GmbH, die er nun als geschäftsführender Gesellschafter leitet. Sein Schwerpunkt ist dabei die bauwirtschaftliche Begleitung von Projekten und die gutachterliche Arbeit bei internationalen Schiedsverfahren. Dabei engagiert sich Dr. Werkl als Autor von Fachpublikationen und bei Vorträgen zu bauwirtschaftlichen Fragen.

Der passionierte Tennisspieler ist verheiratet, hat zwei Kinder, wohnt und arbeitet – wenn nicht gerade international unterwegs – in Graz.

Anna Riedler

Als der Orientierungssinn vergeben wurde, hatte sich Anna gerade verlaufen. Umso besser, dass ihre Arbeit mit Baustellen nur peripher zu tun hat – sie würde vermutlich nie wieder zurück ins Büro finden. Stattdessen schreibt die studierte Journalistin fleißig Texte für unsere Homepage, unseren Blog, und literaturnobelpreisverdächtige Kurzbeschreibungen.